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Fußball tut Gut(es): Was Teamsport für unsere Gesellschaft leistet
Fußball tut Gut(es): Was Teamsport für unsere Gesellschaft leistet
Minas Dimitriou findet Sport faszinierend. So sehr, dass er ihn zum Beruf gemacht hat. Als Professor für Sportsoziologie und Sportgeschichte und Leiter des Lehrganges „Sportjournalismus“ der Universität Salzburg weiß er, wovon er spricht. Uns hat er an seinem umfangreichen Wissen teilhaben lassen. Und erzählt, welche wichtigen Aufgaben Teamsport für unsere Gesellschaft übernimmt.

Herr Dimitriou, können Sie uns kurz erklären, womit Sie sich beruflich beschäftigen?

Mein Arbeitsbereich ist wirklich groß, er umfasst unter anderem „Sport und Gesellschaft“. Genauer gesagt sehe ich mir an, wie und in welcher Weise Gesellschaft auf den Sport wirkt und umgekehrt welche Wirkungen, die vom Sport ausgehen, nehmen Einfluss auf die Gesellschaft. Auch interessant ist für mich die Wechselwirkung zwischen Sport, Medien und Wirtschaft. Oder wie sich Sport und Bewegung das eigene Körperbild auswirkt. Sie sehen, das Forschungsfeld ist umfangreich.

Die Kombination „Sport und Gesellschaft“ klingt interessant: Welche Effekte hat denn Teamsport auf unsere Gesellschaft?

Wie viele Artikel wollen Sie denn schreiben (lacht)? Da gibt es zahlreiche Effekte, einer der wichtigsten ist aber jener von Sport auf unsere Sozialisation. Sozialisation, das ist der Prozess, in dem wir Menschen zu handlungsfähigen Personen werden. Das heißt, wir lernen Werte, Normen, Regeln und so weiter. Gemeinschaftssport ist dabei ein regelrechter Sozialisations-Motor. Im Fußballverein, etwa, oder im Handballverein befindet sich eine wichtige Schnittstelle für uns Menschen. Unsere eigene Persönlichkeit trifft hier auf eine verbindliche und organisierte Umwelt.

Das klingt spannend. Ab wann sollten wir denn mit Teamsport starten, um von diesen Vorteilen zu profitieren?

Es gibt verschiedene Phasen der Sozialisation. Zuerst die erste Phase, die zwischen 0 und 5 Jahren einzuordnen ist. Da bleiben Kinder innerhalb der Familie oder sie treffen auf enge Freunde oder Bekannte. In der zweiten Phase, ab ca. 6 Jahren, spielen die Schule und auch z. B. Vereine eine wichtige Rolle. In Vereinen lernen Kinder sehr viel. Sie machen erste Erfahrungen mit organisierten Strukturen. Sie beobachten unterschiedliche Personen und Rollen. Beispielsweise den Trainer, aber auch Menschen mit Verwaltungsaufgaben und die Mitglieder.

Also steht der Sport im Verein gar nicht im Vordergrund, sondern die Gruppe an sich?

So würde ich das nicht sagen. Beides ist wichtig. Im Rahmen des Sportes machen Kinder Erfahrungen mit Regeln, die für ein bestimmtes Spiel gelten. Sie lernen diese zu respektieren und zu entsprechend zu handeln. Auch merken sie, dass ihre Handlungen Folgen haben und zwar so unmittelbar, wie sonst nirgends im Leben. Nach einem schlechten Pass oder einem technischen Fehler verliert die Mannschaft vielleicht. Das ist wichtig für die Entwicklung von Kindern.

Was wäre denn ein Beispiel einer solchen Regel?

Es gibt zahlreiche Beispiele, die meistes irgendwo schriftlich festgelegt sind. Aber interessant finde ich, dass es neben diesen fixen Regeln auch z. B. ungeschriebene Regeln, wie „Fair Play“ gibt. Er steht dafür, dass wir nicht nur die Spielregeln anerkennen, sondern auch die gegnerischen Spieler respektieren. Fair Play kommt geschichtlich gesehen aus dem England im 16. bis 18. Jahrhundert, genauer aus der dort populären Sportart Cricket. Nehmen wir zum Beispiel Fußball her: Am Platz wird Fair Play nicht nur gern gesehen, sondern sogar verlangt. Liegt ein gegnerischer Spieler am Boden, hilft man ihm auf. Ist man selber am Unfall beteiligt, entschuldigt man sich. Es gibt keinen anderen gesellschaftlichen Ort, in dem Fair Play so erwartet wird, wie im Teamsport. Das geht sogar so weit, dass es Konsequenzen gibt, wird das Fair Play nicht eingehalten. Diese können zum Beispiel mit Ächtung zu tun haben. Es gibt auch die Idee, Fair Play zum Beispiel in der Wirtschaft anzuwenden. Aber es will irgendwie nicht klappen. Der Gemeinschaftssport ist hier wirklich einzigartig.

Im Verein lernen wir also den Aufbau von Gruppen und die Existenz von Regeln. Was lernen wir noch?

Gemeinsame Ziele zu formulieren und diese zu erreichen. Im Sport ist das ganz klar der Sieg, denn Sport ist auch immer ein Wettkampf, ein Leistungsvergleich. Wir lernen zusammenzuarbeiten, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Damit das funktioniert, muss jeder und jede eine eigene Rolle übernehmen, soziale Schicht und Herkunft sind dabei nicht wichtig. Da bilden sich Führungspersönlichkeiten heraus, aber auch Menschen, die mehr im Hintergrund wichtige Aufgaben verrichten, ob in der Organisation oder z. B. am Platz. Wir lernen, dass es ganz viele unterschiedliche Rollen braucht, um gemeinsam erfolgreich zu sein.

Und dann gibt es auch noch Funktionen, über die wir nie nachgedacht haben, oder?

Genau. Vor allem bei den Ausgangssperren im Rahmen von Corona wurde der Sportaspekt etwas belächelt. Die Leute sollen ein bisschen joggen gehen oder spazieren gehen. Das wird dem Stellenwert von Sport in der Gesellschaft aber nicht gerecht. Dieser hat neben dem Trainings- und Sozialeffekt nämlich eine wichtige demokratische Aufgabe. Ein Verein ist ein Übungsraum für demokratisches Handeln. Wer eine Idee hat, kann versuchen, andere durch Argumente zu überzeugen. Wenn die Mehrheit dafür ist, wird die Idee umgesetzt. Als Mitglieder haben wir die Möglichkeit, unsere Meinung zu äußern, wir können Verantwortung übernehmen und etwa Funktionen im Vorstand besetzen. Das ist gelebte Demokratie im Mikrokosmos Verein – und hat eine unglaubliche Auswirkung auf unsere Gesellschaft.

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